Marie Jacquot (Foto: Julia Wesely)
Porträt Marie Jacquot

Vom Center Court zur «Alpensinfonie»

Marie Jacquots Weg an die Spitze internationaler Orchester verlief nicht geradlinig. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, wie wichtig Flexibilität in ihrer Dirigierkarriere war.

Katharine Jackson

Wenn man sich Marie Jacquots Laufbahn anschaut, hat man den Eindruck, dass sie nur eine Richtung kennt: aufwärts. Dass ihr Weg dennoch nicht immer so klar war, zeigt ihre erste berufliche Entscheidung. Als Kind peilte sie eine professionelle Sportlerinnen-Karriere an; die heute 36-Jährige erzählt dazu im Rückblick: «Als Jüngste von drei Geschwistern fühlte ich mich zunächst mehr zum Tennis hingezogen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem Tennis kein Spiel mehr war, sondern ein Kampf gegen andere Menschen und gegen mich selbst.» Neben dem Leistungssport war in ihrer Familie und ihrer Erziehung auch die Musik wichtig. Und auf natürliche Weise wurde die Liebe zu ihr grösser, auch weil sie hier die Freude am Zusammenspielen wiederfand. Zudem hat Marie Jacquot ein Elternhaus erlebt, wie man es Kindern wünscht: «Meine Eltern waren bescheiden und haben sich fürsorglich um uns gekümmert, sodass ich mich auf mein Studium konzentrieren konnte. Ich bin ihnen unendlich dankbar dafür.»

Von der Posaune zum Taktstock

Mit 19 Jahren hätte Marie Jacquot gerne Posaune in Wien studiert. Doch ihrer Wahrnehmung nach ist die Art und Weise, wie man in Frankreich und in Österreich dieses Instrument spielt, genauso unterschiedlich wie die Kochtraditionen dieser beiden Länder. Sie schaffte die Aufnahmeprüfung nicht. Der Posaunenlehrer, der ihr dies mitteilen musste, fügte dann an: «Ich wünsche Ihnen nun aber viel Glück für die Aufnahmeprüfung zum Dirigierstudium in zwei Wochen.» Gesagt, getan: Marie Jacquots Eltern traten wenige Tage später wieder die zwölfstündige Autofahrt von Chartres nach Wien an: Diesmal klappte es, und sie absolvierte daraufhin ihr gesamtes Dirigierstudium an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien.

Tennis, Posaune: Es kam in Marie Jacquots Leben also schon früh anders als zunächst gedacht, und sie war offen und schlau genug, daraus das Beste zu machen. So auch im Studium, als die angehende Dirigentin eine Chance witterte, die sich noch gar nicht als solche abzeichnete. Ihre Kommiliton*innen, die Komposition studierten, stellten alle drei Monate ihre Arbeiten im universitären Rahmen vor. Und obwohl Marie Jacquot zeitgenössische Musik «hasste», sah sie im Dirigieren dieser neuen Werke eine Möglichkeit, Deutsch zu lernen und auf Deutsch zu proben.

Also wieder: Sie hatte einen Plan, los gings – und Deutsch spricht sie heute auf sehr hohem Niveau. «Ich stellte mich diesen jungen Komponistinnen und Komponisten vor und sagte: ‹Wenn Sie etwas brauchen, ich stehe zur Verfügung›. Und ich war tatsächlich die Einzige in den fünf Jahrgängen, die sich anbot, neue Musik zu dirigieren. So habe ich fast 100 Werke uraufführen dürfen. Seitdem trage ich neue Musik etwas mehr in meinem Herzen.» Von da an ging es mit der professionellen Karriere als Dirigentin rasch aufwärts.

Vor zehn Jahren erhielt Marie Jacquot einen Anruf von Kirill Petrenkos Assistentin mit dem Angebot, ihm bei der Uraufführung von Miroslav Srnkas «South Pole» an der Bayerischen Staatsoper zu assistieren. Zunächst konnte sie es kaum glauben. Sie sagte zu, obwohl sie Opern zu diesem Zeitpunkt noch nicht sonderlich mochte. Aber eben: Chancen ergreifen, wenn sie sich ergeben. Nach dieser Assistenz wurden ihr im Anschluss zwei eigene Produktionen bei den Münchner Opernfestspielen angeboten.

Daraufhin folgten diese Stationen: Von 2016 bis 2019 war sie die Erste Kapellmeisterin und stellvertretende Generalmusikdirektorin in Würzburg, dann drei Jahre Kapellmeisterin an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf/ Duisburg. Mit Beginn der Spielzeit 2023/24 wurde sie zur Ersten Gastdirigentin bei den Wiener Symphonikern ernannt, mit denen sie bei den Bregenzer Festspielen, im Wiener Konzerthaus und im Wiener Musikverein auftrat. Im Sommer 2024 übernahm sie zusätzlich die Position als Chefdirigentin des Königlich-Dänischen Theaters in Kopenhagen – und ab kommender Saison 2026/27 wird sie Chefdirigentin des WDR Sinfonieorchesters, um damit in Köln auf Christoph von Dohnányi, Semyon Bychkov, Jukka-Pekka Saraste und Cristian Măcelaru zu folgen.

Die Menschen sind das Wichtigste

Mittlerweile leitet Marie Jacquot Opern und sinfonische Werke in ganz Europa, Nordamerika und Japan. Wenn man sie für dieses Porträt fragt, welches Stück sie am Ende ihres Lebens am häufigsten dirigiert haben wird, antwortet sie: «Es wäre wohl die ‹Alpensinfonie› von Richard Strauss. Sie erinnert mich stets daran, wie gross die Natur und wie klein wir Menschen im Universum sind. Da ich aber immer mehr Aufführungen in der Oper leite, wird es hoffentlich sein ‹Rosenkavalier› sein.» In einer Radiosendung im Deutschlandfunk vom Januar, in der sie anhand ausgewählter Kompositionen auf lebendige und zugleich bodenständige Weise ihren Weg schilderte, sagte sie über Strauss: «Seine Musik spricht mich an, weil sie so viel über die Menschen erzählt. Ihre Geschichten sind uns nah. Ich fühle mich auch mit der deutschen Musik sehr verbunden und manchmal habe ich das Gefühl, dass ich eine deutsche Seele besitze.» Immer wieder betont Marie Jacquot in Interviews, wie viel ihr die Zusammenarbeit mit anderen bedeutet: «Musik hat mit Menschen zu tun und nicht mit Perfektion, die man sowieso nie erreichen kann. Die Menschen sind immer das Wichtigste für mich. Sie sind mir noch wichtiger als das Dirigieren.»

Doppeltes Debüt

Wenn es ein Leitmotiv in ihrer bisherigen Karriere zu benennen gäbe, wäre es laut Marie Jacquot, unbekannte Stücke zu präsentieren. Das wird sie mit dem Tonhalle- Orchester Zürich nicht tun. Im Gegenteil, auf dem Programm stehen unter anderem Modest Mussorgskys «Bilder einer Ausstellung» und Beethovens Violinkonzert. Sie wird bei diesem «Weltklasseorchester mit hohem musikalischem Anspruch» ihr Debüt geben und auch mit Augustin Hadelich erstmals zusammenarbeiten.

Vor diesen Konzerten wird es dann wahrscheinlich bunt: Auf ihren Reisen zu Orchestern und Opernhäusern bringt Marie Jacquot ein Stoffbeutelchen mit. Darin hütet sie eine Auswahl von Dutzend farbigen Schnürsenkeln. Als kleine Vor-Auftritts-Routine und um sich auf etwas Besonderes vorzubereiten, wird sie sich die passende Farbe für das Konzert aussuchen und neue Schnürsenkel einfädeln – und so wird sie auch nach Zürich ihren Weg weitergehen.

April 2026
Do 23. Apr
19.30 Uhr

Marie Jacquot & Augustin Hadelich

Tonhalle-Orchester Zürich, Marie Jacquot Leitung, Augustin Hadelich Violine Adès, Beethoven, Mussorgsky
Fr 24. Apr
19.30 Uhr

Marie Jacquot & Augustin Hadelich

Tonhalle-Orchester Zürich, Marie Jacquot Leitung, Augustin Hadelich Violine Adès, Beethoven, Mussorgsky
veröffentlicht: 13.04.2026

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