Nadia Boulanger, Quincy Jones (Fotos: Bibliothèque nationale de France, The Regents of the University of California)
Nadia Boulanger und Quincy Jones

Von «Mademoiselle» zu «Q»

Auch die grössten Komponisten haben einmal klein angefangen. Einige von ihnen lernten von anderen Giganten der Musikgeschichte.

Franziska Gallusser

Schon die Spitznamen zeigen, in welch unterschiedlichen Welten sie unterwegs waren. Nadia Boulanger und Quincy Jones wirken auf den ersten Blick wie ein sehr ungleiches Lehrerin-Schüler-Paar. Doch nicht ohne Grund wurde Boulanger, diese unscheinbare Dame russischer und französischer Herkunft, als «Lehrerin des Jahrhunderts » bezeichnet. Die Liste ihrer Schüler, darunter Leonard Bernstein, Aaron Copland, Astor Piazzolla, Philip Glass und Sir John Eliot Gardiner, liest sich wie eine musikalische Hall of Fame des 20. Jahrhunderts. Sie war zwar in der Klassik verwurzelt, unterrichtete aber auch zahlreiche Jazz- und Pop-Grössen, in den späten 1950er- Jahren etwa den Bandleader, Filmmusikkomponisten und Jahrhundertproduzenten Quincy Jones, «Q» genannt, der mit Michael Jacksons «Thriller» das mit über 65 Millionen Exemplaren meistverkaufte Album der Popgeschichte herausbrachte.

Er war 24 Jahre alt, als er anfing, bei der damals 70-jährigen Dozentin in ihrer Pariser Wohnung Unterricht zu nehmen. In der ersten Stunde gab sie dem neuen Schüler einen einfachen Ratschlag: «Es gibt nur zwölf Töne, Quincy, wirklich nur zwölf. Schauen Sie sich einfach mal an, was andere damit angestellt haben.» Zu diesem Zeitpunkt war Jones kein Anfänger mehr. Bereits mit 18 Jahren spielte er Trompete in der Lionel Hampton Big Band und arrangierte Stücke von Louis Armstrong, Dizzy Gillespie und anderen grossen Jazzmusikern.

Dennoch soll er im Alter gesagt haben, dass er alles, was er als Künstler erreicht habe, seiner frühen Ausbildung bei Boulanger zu verdanken habe. Denn ihr Lehrstil war einzigartig: Sie vermittelte eine gründliche akademische Musikanalyse und wusste, wie sie ihre Schüler dazu ermutigen konnte, ihre eigene, unverwechselbare Tonsprache zu finden. Die damals schon grauhaarige, kleine «Mademoiselle» konnte aber auch Klartext reden, wie sich Jones später erinnerte: «Sie sagte mir immer: ‹Quincy, deine Musik kann niemals mehr oder weniger sein als du als Mensch bist. Wenn du keine Lebenserfahrung hast und nichts zu sagen hast, was du selbst erlebt hast, hast du überhaupt nichts beizutragen ...› Sie war stark. Wirklich stark.»

April 2026
Do 09. Apr
12.15 Uhr

Kammermusik-Lunchkonzert

Diego Baroni Klarinette, Elisabeth Harringer-Pignat Violine, Ulrike Schumann-Gloster Violine, Katja Fuchs Viola, Gabriele Ardizzone Violoncello, Hendrik Heilmann Klavier Adès, Boulanger, Françaix, Jones, Copland
veröffentlicht: 31.03.2026

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